Gorden Wagener: Fast 30 Jahre den Stern poliert

Ein Kurzportrait von Jens Meiners

Fast 30 Jahre lang hat er für Mercedes-Benz gearbeitet, jetzt verlässt er die traditionsreichste Automobilmarke der Welt: Gorden Wagener, mächtiger Designchef, und mit 57 Jahren eigentlich noch zu jung, um sich in den Ruhestand zu verabschieden

Er hatte am Anfang seiner Karriere unter anderem auch bei Volkswagen kurz hereingeschaut, aber eigentlich schlug Gordon Wageners Herz schon immer für die Marke mit dem Stern. Als Jugendlicher war das Coupé der Baureihe 123 eines seiner Lieblingsautos.

Nach dem Studium in Essen und am Londoner Royal College Of Art, einer der wichtigsten Kaderschmieden der Branche, richtete sich sein Weg relativ schnell nach Stuttgart-Sindelfingen. Dort übernahm er rasch verantwortungsvolle Positionen, gefördert vom damaligen Chefdesigner Peter Pfeiffer, der ihn frühzeitig als Nachfolger aufbaute.

Wagener, dessen Skizzen sich durch einen eigenen, schwungvollen Stil auszeichnen, war nicht nur mit der Erweiterung des Produktportefeuilles mit Modellen wie B- und R-Klasse befasst, sondern konnte bereits früh einen absoluten Traumwagen verwirklichen: Den McLaren SLR, einen seiner spektakulärsten Entwürfe und längst zum Spekulationsobjekt avanciert.

2008 wurde Wagener Chefdesigner von Mercedes-Benz, noch keine 40 Jahre alt. Es dauerte aber noch ein paar Jahre, bis sein Stil über alle Baureihen hinweg zur Geltung kam. Und er setzte sich nicht nur von der braven Ära Pfeiffer, sondern auch von den vielgepriesenen Modellen der Ära Sacco ab.

Wagener hatte verstanden, dass zur Marken-DNS von Mercedes-Benz eben nicht nur sachlich-strenge Entwürfe gehören, die sich dem Diktat der Aerodynamik unterwerfen, sondern auch Glanz, Glamour und Opulenz. Nicht nur ein W126 gehört zur Mercedes-Historie, sondern eben auch ein 300 SL Roadster und eine „Heckflosse“.

Zur Inspiration orientierte sich Wagener aber keineswegs nur an der eigenen Historie; er suchte auch den Austausch mit der Welt der Mode und mit dem Yachtbau. So kam es zu Kooperationen mit Vigil Abloh, mit Moncler oder mit Silver Arrows Marine, um nur einige Partner zu nennen.

Die meisten seiner Concept Cars waren nicht etwa verbrämte Serienmodelle kurz vor dem Launch, sondern echte Studien, die das Tor in die Zukunft weit aufstießen. Die erst vor wenigen Monaten vorgestellte Vision Iconic kann nicht nur als Kulminationspunkt von Wageners Schaffen gelten, sondern sie verweist mit ihrem vertikalen Kühlergrill auf eine neue Ästhetik, die den Trend zur immer größeren und breiteren Frontmaske durchbricht.

Mercedes-Benz SLR 300 Uhlenhaut-Coup
Mercedes-Benz Vision Iconic 2
Mercedes-Benz SLR McLaren
Mercedes-Benz W 123
Mercedes.Benz W126
Mercedes-Benz Vision Iconic 3

Die Formensprache von Wagener kam im Markt an, sie passt zu Mercedes-Benz. Mit Entwicklungsvorstand Thomas Weber kooperierte er perfekt, und es ist wohl vor allem dem Design der Mercedes-Typen zu verdanken, dass die Marke gut durch die Branchenkrisen der letzten Jahrzehnte kam. Und der erfolgreiche Relaunch von Mercedes-Maybach ist vor allem Wagener zuzuschreiben.

Wagener hat sich als Chefdesigner mit Menschen umgeben, die ihn inspirierten, und er hat über die Jahre hinweg einige der besten Automobildesigner zu Mercedes-Benz geholt – zum Beispiel Robert Lesnik von Volkswagen, Achim Badstübner von Audi oder Stefan Lamm von Ford und Seat.

Noch bis Ende Januar arbeitet Gorden Wagener für Mercedes-Benz – teils in Sindelfingen und teils wohl auch wieder aus Kalifornien, wo seine Familie lebt und wo er Energie tankt. Dann übernimmt Bastian Baudy, aktuell Designchef bei Mercedes-AMG und Absolvent der Hochschule Pforzheim. Auch er hat die Mercedes-DNS verinnerlicht: Schon seine Abschlussarbeit von 2010 beschäftigte sich mit der Marke, mit einer Variation des „Bionic Car“. (aum)

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