Einst ein Geniestreich

Von Martin Wittler

Für den US-Elektroautohersteller Tesla ging es über Jahre hinweg nur in eine Richtung: aufwärts. Der Hersteller eilte von einem Zulassungs- und Umsatzrekord zum nächsten. Zuletzt jedoch folgte ein jäher Absturz. Im vergangenen Jahr musste Tesla erstmals in der Unternehmensgeschichte einen Umsatzrückgang verbuchen. Der Jahresgewinn brach um satte 46 Prozent ein.

Das lag an rückläufigen Verkaufszahlen: In Europa ging der Tesla-Absatz um 28,7 Prozent zurück, in Deutschland war es sogar ein Absatzminus von 48,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und nun auch noch das: Tesla sortiert die Fahrzeuge Model S und Model X aus. Bei der Bekanntgabe der Zahlen für das Schlussquartal 2025 teilte Tesla mit, dass die Produktion der beiden Oberklasse-Modelle in diesem Sommer eingestellt wird.

Eine Ikone verblasst

Damit rangiert Tesla die beiden ältesten Fahrzeuge des aktuellen Produktportfolios aus. Zwar trugen der S (seit 2012) und der X (seit 2015) zuletzt nur noch unwesentlich zu den Zulassungszahlen des Unternehmens bei, doch insbesondere das Model S hatte einst immensen Einfluss auf die Automobilbranche.

„Elektromobilität? War damals ein Nischenthema.“

Ausbruch aus der Nische

Rückblick: Als die Tesla-Limousine 2012 auf den Markt kam, war die Auto-Welt noch eine andere. Elektromobilität? War damals ein Nischenthema. Die E-Fahrzeuge zu dieser Zeit, etwa ein Nissan Leaf oder ein Mitsubishi i-MiEV, waren schon rein optisch nicht dafür gemacht, der E-Mobilität zum Durchbruch zu verhelfen. Ganz anders der Tesla Model S. Nach dem Roadster, der noch auf Basis eines Lotus-Modells in Kleinserie produziert worden war, trat der S als erstes eigenständiges Modell von Tesla an.

Der amerikanische Autodesigner Franz von Holzhausen hatte eine moderne, aber im Grunde recht konservativ gehaltene Limousine gestaltet, die gleichermaßen ökologisch und technologisch orientierte Kunden ansprach, sowie auch potenzielle Audi-, BMW- oder Mercedes-Käufer. Dazu kam eine überzeugende Technik, denn Tesla bot als erster E-Hersteller die beachtliche Reichweite von 427 Kilometer – im Jahr 2012 wohlgemerkt. Ein damals sensationeller Wert, der sehr viel mehr Alltagstauglichkeit versprach als die

Konkurrenz zu bieten hatte. Zum Vergleich: Ein BMW i3, der ab 2013 gebaut wurde, schaffte es anfangs mit einer Akkuladung nicht einmal 200 Kilometer weit.

Eine ganze Industrie schaute aus Tesla

Das Model S wurde zum Vorbild für eine ganze Industrie. Zahlreiche Hersteller brachten im Laufe der Jahre Modelle auf den Markt, die sich eindeutig an der Tesla-Limousine orientierten. Genau wie das Vorbild kombinierten sie die Idee eines viertürigen, sportlich geschnittenen Oberklassemodells mit üppigem Leistungsvermögen und einer hohen Reichweite. Zu den Modellen, die im Laufe der Jahre als Tesla-Konkurrenten präsentiert wurden, gehörten etwa Mercedes EQS, Porsche Taycan, Audi e-Tron GT, Lucid Air, Nio ET7, Polestar 5.

Doch Tesla hatte noch einen weiteren Trumpf in der Hand, denn die Amerikaner lieferten zu ihrem Auto-Aushängeschild auch gleich die passende Ladeinfrastruktur mit: die Supercharger. Mit der Errichtung dieser Supercharger begann Tesla, ein eigenes Schnellladenetzwerk aufzubauen, das mittlerweile 75.000 Supercharger umfasst. Tesla behauptet, damit das größte Schnellladenetz der Welt zu betreiben.

Tesla Model S. (3)

Drei Motoren für 750 kW

Das Tesla-Produktportfolio wuchs parallel dazu. Zum Model S gesellten sich das Luxus-SUV Model X sowie die Volumenmodelle Model 3 und Model Y. Das Model S durchlief währenddessen immer wieder Überarbeitungen. Der wohl größten Sprung war die Einführung der Modellvariante „Plaid“ im Jahr 2021. Tesla verpasste dieser S-Version gleich drei Elektromotoren und eine Maximal-Leistung von 750 kW, was irrsinnigen 1020 PS entspricht.

Verbunden damit waren weitere Extrem-Daten: Die Spitzengeschwindigkeit lag bei 322 km/h, der Sprint von 0 auf 100 km/h gelang in 2,1 Sekunden. Das Düsenjet-Gefühl übertrug Tesla auch aufs Interieur-Design, denn das Model S Plaid wurde wahlweise mit einem so genannten Yoke-Lenkrad angeboten: einem Volant in gewöhnungsbedürftiger U-Form. Schätzungsweise knapp eine halbe Million Mal lief das Model S seit 2012 insgesamt von Band.

Längst sind andere Tesla-Baureihen beliebter. Insbesondere das SUV Model Y, das seit 2019 gebaut wird, entpuppte sich als Publikumsliebling. Es war in den Jahren 2023 und 2024 das antriebsübergreifend meistverkaufte Auto der Welt.

Grünheide leidet an Musk

Auch in Deutschland freute man sich über diese Entwicklung, denn gebaut wird das Erfolgsmodell auch in der brandenburgischen Gigafactory in Grünheide. Entsprechend unruhig dürfte man dort die politischen Eskapaden des Firmenchefs Elon Musk verfolgt haben, der sich 2024 als Unterstützer von Donald Trump massiv in den US-Wahlkampf einmischte und nach dessen Wahlsieg kurzzeitig in der Trump-Administration für Furore sorge. Mit diesem Verhalten vergrätzte Musk offenbar viele Käufer. Die Tesla-Zahlen stürzten ab. Das Model Y verlor im vergangenen Jahr seinen Titel als meistverkauftes Auto der Welt.

Es sind keine guten Nachrichten für das Tesla-Werk in Grünheide. Schon 2024 verfehlte die Gigafactory die selbst gesetzten Produktionsziele deutlich. Die Auslastung der Fabrik lag bei lediglich 56,3 Prozent. Zahlen für das vergangene Jahr hat Tesla bislang nicht vorgelegt. Auch eine entsprechende Anfrage ließ der Hersteller unbeantwortet.

Tesla Model Y. (2)

Roboter statt Autos

Vielleicht sind die Zeiten zu turbulent für die US-Marke. Ausgerechnet jetzt folgt das Aus des ehemaligen Trendsetters Model S. Das Unternehmen will sich künftig verstärkt auf Technologien wie das autonome Fahren oder Robotik-Lösungen konzentrieren. Passend dazu sollen im US-Werk in Kalifornien, wo der Wagen noch von ein paar Wochen vom Band läuft, künftig Roboter hergestellt werden. (Copyright Car-Editor´s)