Das Klima wartet nicht aufs Elektroauto
Von Peter Schwerdtmann
Die Bundesregierung muss nachbessern. Das Bundesverwaltungsgericht hat entschieden, dass Klimaschutzprogramm im Verkehrssektor sei nicht ausreichend. Wieder steht das Tempolimit als Maßnahme im Raum, wieder wird über die unterschiedlichsten Einzelmaßnahmen gestritten. Doch während sich die Debatte erneut an Symbolen entzündet, bleibt die entscheidende Zahl erstaunlich randständig: 1,3 Milliarden – so viele Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor sind weltweit unterwegs. Und sie werden es noch lange bleiben.
Selbst wenn ab morgen global ausschließlich Elektroautos verkauft würden, bliebe der überwiegende Teil der Bestandsflotte über Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte fossil betrieben. Fahrzeuge werden 15 bis 25 Jahre genutzt, vielerorts noch länger. Die Atmosphäre jedoch reagiert nicht auf Neuzulassungen in der Zukunft oder politische Ziele. Sie reagiert auf real ausgestoßene CO₂-Mengen.
Klimaschutz im Verkehr ist daher nicht nur eine Transformationsfrage. Er ist vor allem ein Bestandsproblem.
Der Traum von der vollelektrischen Zukunft
Die politische Debatte konzentriert sich dennoch fast ausschließlich auf eine vollelektrische Zukunft: Ladeinfrastruktur, Batterieproduktion, Zulassungszahlen. All das ist wichtig. Aber es adressiert nicht die Fahrzeuge, die bereits auf den Straßen sind. Wer Klimaschutz ausschließlich über den Neuwagenmarkt denkt, akzeptiert implizit, dass die bestehende Flotte weiter fossile Emissionen verursacht – bis sie in ferner Zukunft einmal ersetzt ist.
Genau hier kommen synthetische Kraftstoffe ins Spiel. Doch E-Fuels sind teuer. Ihr energetischer Wirkungsgrad ist geringer als der eines batterieelektrischen Antriebs. Das physikalische Argument ist bekannt und richtig: Von der Stromerzeugung über Elektrolyse und Synthese bis zur Verbrennung im Motor geht erheblich Energie verloren. Doch Energiepolitik ist kein Physikseminar. Sie ist Systempolitik unter realen Bedingungen.

Fürs Flugzeug richtig, fürs Auto nicht?
Das Molekül bleibt jedoch dasselbe. Warum ist synthetischer Kraftstoff im Flugzeug notwendig, im Schiff unvermeidlich – im Auto aber prinzipiell falsch? Hier verlässt die Debatte die Ebene der Physik und betritt die der Symbolik. Der Verbrennungsmotor steht für Vergangenheit. Elektromobilität steht für Fortschritt. E-Fuels durchbrechen dieses Narrativ, weil sie Emissionen senken können, ohne das sichtbare System radikal zu verändern.
Das macht sie politisch unbequem. Natürlich werden synthetische Kraftstoffe nicht jedes Auto klimaneutral machen. Natürlich benötigen sie enorme Mengen erneuerbarer Energie. Natürlich müssen Kosten sinken. Aber die richtige Frage lautet nicht, ob sie perfekt sind. Die richtige Frage lautet, ob sie einen messbaren Beitrag leisten können, solange 1,3 Milliarden Fahrzeuge unterwegs sind.
Klimaschutz entscheidet sich an Wirkung, nicht an Reinheit.
Ein Tempolimit kann Emissionen senken. Subventionsabbau kann Anreize verändern. Elektrifizierung ist langfristig unverzichtbar. Doch keine dieser Maßnahmen allein adressiert die globale Bestandsflotte in ihrer ganzen Größenordnung.
Wer die Bestandsfrage ausklammert, führt eine Debatte über Ideale. Wer sie einbezieht, führt eine Debatte über reale CO₂-Mengen.
Das Klima wartet nicht
Das jüngste Gerichtsurteil erhöht den politischen Druck. Es zwingt die Bundesregierung, wirksame Maßnahmen vorzulegen. Die Gelegenheit wäre da, die Debatte zu erweitern, statt weiter zu verengen: nicht entweder Elektro oder E-Fuel, sondern die Frage, welche Kombination die schnellste und größte Emissionsminderung bringt.
Solange diese Frage nicht ehrlich gestellt wird, bleibt die Verkehrspolitik in einem Kreislauf aus Symbolik und Polarisierung gefangen.
Und das Klima wartet nicht.
(Copyrigt Car-Editor´s)
