Volkswagen gibt den neuen Ethanol-Kraftstoff für alle Ottomotoren ab Modelljahr 2016 frei

 

Von Wolfgang Kröger

Beim Thema Kraftstoff zeigt sich Deutschland traditionell zögerlich. Obwohl nahezu alle Benzinmotoren Super E10 vertragen, greift nur etwa jeder dritte Autofahrer zur günstigeren und klimafreundlicheren Variante. Mit der absehbaren Einführung von E20 könnte sich diese Zurückhaltung als noch kostspieliger erweisen — sowohl finanziell als auch ökologisch.

Auf dem Berliner Kongress „Kraftstoffe der Zukunft“ wurde deutlich: Automobil- und Energieindustrie treiben bereits die nächste Entwicklungsstufe voran. Benzin mit bis zu 20 Prozent Ethanolanteil soll ab Ende des Jahrzehnts an europäischen Tankstellen verfügbar sein. Volkswagen positioniert sich dabei früh als Vorreiter.

E20 an einer Tankstelle in Gießen

Mehr Oktan, weniger CO₂

E20 verspricht gleich mehrere Vorteile: eine höhere Oktanzahl, verbessertes Leistungsvermögen und eine spürbare Reduzierung der CO₂-Emissionen. Dennoch halten sich Vorbehalte gegenüber Ethanol hartnäckig.

Fachleute aus der Automobilindustrie sehen das anders. Höhere Ethanolanteile gelten als kurzfristig realisierbarer Baustein zur Defossilierung des Verkehrs. Entsprechend zählte Ethanol zu den zentralen Themen des Kongresses, an dem mehr als 600 Vertreter aus Industrie, Energiewirtschaft und Wissenschaft teilnahmen.

Freigaben der Hersteller

BMW und Mercedes-Benz haben bereits große Teile ihrer Modellpaletten für höhere Ethanolanteile freigegeben. Volkswagen geht nun einen entscheidenden Schritt weiter. Wie aus einem konzernintern abgestimmten Schreiben hervorgeht, sind alle Ottomotoren der Marken VW, Audi, Skoda, Seat, Cupra und VW Nutzfahrzeuge ab Modelljahr 2016 technisch für Super E20 ausgelegt. Mit der geplanten Markteinführung – derzeit für 2027 oder 2028 erwartet – sollen diese Fahrzeuge offiziell rückwirkend freigegeben werden.

Eine technische Ausnahme

Ausgenommen sind ausschließlich besonders leistungsstarke Zweiliter-Vierzylinder (EA888) mit mehr als 221 kW (300 PS). Diese Aggregate wurden gezielt für maximale Performance mit Super Plus ROZ 98 E5 ausgelegt. Technisch wäre eine Anpassung möglich – im Motorsport wird E20 sogar zur Leistungssteigerung genutzt –, für Serienfahrzeuge ist jedoch keine Umrüstung vorgesehen. Alle übrigen Benzinmotoren der genannten Marken erfüllen die Voraussetzungen. Selbst Hochleistungsmodelle wie Audi RS 6 oder R 8 sind nicht betroffen, da die Einschränkung ausschließlich den 2,0-Liter-Hochleistungsmotor betrifft.

Der Golf Refuel auf Basis des R-Golf

Praxistests laufen bereits

Im Rahmen von Erprobungsprojekten wird E20 in Deutschland bereits getestet. Tankstellen in Mannheim und Gießen stellen den Kraftstoff derzeit Flottenkunden zur Verfügung. Der Preis liegt dabei bis zu fünf Cent unter dem von E10. Ein Grund: Der Ethanolanteil ist von der CO₂-Abgabe befreit, da er aus Biomasse gewonnen wird, die während ihres Wachstums CO₂ aus der Atmosphäre bindet.

Bedeutung für e-Fuels

Ethanol spielt auch bei synthetischen Kraftstoffen eine wichtige Rolle. Als Oktanzahlbooster ist es ein zentraler Bestandteil zukünftiger e-Fuel-Mischungen. Wie leistungsfähig solche Kraftstoffe sein können, demonstriert Volkswagen im Motorsport: Mit dem nachhaltigen Shell-Kraftstoff E20 R 60 erzielten Fahrzeuge von Max Kruse Racing beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring Klassensiege und Topplatzierungen.

Noch konsequenter ist der VW Golf R Refuel, der ausschließlich mit erneuerbaren Kraftstoffen betrieben werden kann. Damit zeichnet sich der Weg zum „Carbon Neutral Fuel Only“-Fahrzeug bereits ab.

Performance inklusive

E20 bietet nicht nur ökologische Vorteile. Durch die höhere Klopffestigkeit lassen sich Leistung und Wirkungsgrad steigern. Laut VW-Entwicklungschef Prof. Thomas Garbe konnte beim Refuel-Golf die Leistung gegenüber der Serie deutlich erhöht werden — Experten gehen von rund 380 PS aus. Serienmäßig leistet der Golf R 333 PS.

Der höhere Ethanolanteil wirkt somit zugleich als Effizienz- und Performance-Booster.

Politik entscheidet über Markteinführung

Technisch sind die Voraussetzungen geschaffen: Fahrzeuge sind freigegeben, Kraftstoff verfügbar, und mit DIN/CEN TS 18227 existiert bereits eine Spezifikation.

Für die breite Einführung müssen EU und nationale Gesetzgeber lediglich regulatorische Grenzwerte anpassen. Ob die politischen Prozesse ebenso schnell voranschreiten wie die technische Entwicklung, bleibt abzuwarten. Fest steht: Mit E20 könnte sich an der Zapfsäule ein weiterer Schritt in Richtung klimaverträglicher Individualmobilität vollziehen — ohne Verzicht auf Leistung oder Alltagstauglichkeit.

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