„Der 7. Sinn“ und seine erschütternde Fehleinschätzung

Wie Frauen Automobilgeschichte schrieben

„Frauen fahren meist vorsichtiger als Männer, weil ihnen die Übung fehlt. Sie behindern dann den fließenden Verkehr.“ So zumindest verkündete es WDR-Redakteur Werner Kleinkorres in der ARD-Sendung „Der 7. Sinn“ in den frühen 1970er Jahren. Das war in einer Zeit, als Frauen noch eine Erlaubnis ihres Ehemanns brauchten, um einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.

Immerhin durften sie sich schon seit 1958 zur Führerscheinprüfung anmelden und seit 1962 sogar ein eigenes Bankkonto eröffnen. Dabei hat es gerade in der Automobilgeschichte bereits sehr viel früher eine ganze Reihe von Frauen gegeben, die sehr schnell, weit oder auch überaus erfindungsreich unterwegs waren. Zum Weltfrauentag am 8. März würdigen wir einige der weiblichen Pioniere ob ihrer Heldinnentaten am oder rund ums Lenkrad, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Gegen kalte Füße

So geht etwa die Erfindung der Innenraumheizung des Automobils auf Margret Wilcox zurück, die 1893 in den Vereinigten Staaten ein Patent für die Temperierung von Eisenbahnwaggons angemeldet hatte. Da Autos in dieser Zeit meist noch einen offenen Innenraum hatten, war das System, das die Abwärme von Verbrennungsmotoren nutzte, für sie noch nutzlos. 1929 führte Ford die Heizung der Maschinenbau-Ingenieurin in seinen Fahrzeugen ein. Wilcox konnte diesen Triumph nicht mehr genießen, sie verstarb 1912 in Los Angeles.

Das Automobil hat Bertha Benz, der Ehefrau des Automobilerfinders Carl Benz, viel zu verdanken.

Hinter dem Rücken des Ehemannes

Der Name Cäcilie Bertha Benz ist unvergesslich in der Historie der Automobil-Pionierinnen hinterlegt. Erfunden hatte den „Motorwagen mit Gasmotorenantrieb“ 1886 zwar ihr Ehemann Carl Benz. Doch das hochbeinige Vehikel fand in der Bevölkerung aber eher nicht zu zahlungswilligen Kunden. Um die Leistungsfähigkeit des Motorwagens Nummer 3 unter Beweis zu stellen, machte sich Cäcilie Bertha Benz in Begleitung ihrer beiden Söhne Eugen und Richard auf zu einer 106 Kilometer langen Fernfahrt von Mannheim nach Pforzheim. Ohne das Wissen ihres Mannes übrigens.

Die Fahrt trug nicht nur wesentlich dazu bei, die Vorbehalte der Kunden zu zerstreuen, sondern sie führte ebenso zu Verbesserungen bei nachfolgenden Modellen. So wurde etwa ein kurzer Gang eingeführt, mit dem Steigungen besser bewältigt werden konnten und Lederbeschläge auf den Bremsbacken, die Lebensdauer und Wirkung erhöhten. Frau Benz gilt damit auch als Erfinderin der Bremsbeläge.

„Apothekenpreise“ für Benzin

Zu Ruhm kam dank der Marathonfahrt auch die Stadt-Apotheke in Wiesloch bei Heidelberg, denn hier bekam Bertha Benz das nötige Leichtbenzin Ligroin, das üblicherweise für die Reinigung von Bekleidung genutzt wurde, um ihren Weg fortsetzen zu können.

Noch sehr lange konnte man Benzin und andere Treibstoffe nur beim Apotheker kaufen, erst um die Jahrhundertwende gab es den Sprit auch an anderen Stellen. 1909 erschien das erste Tankstellenverzeichnis Deutschlands, das 2500 Drogerien, Kolonialwarenhändler, Fahrradhandlungen, Hotels und Gaststätten auflistete, die Benzin bereithielten.

Bertha Benz und ihre Söhne während ihrer Fernfahrt im August 1888 mit dem Benz Patent-Motorwagen (zeitgenössische Darstellung des Auftankens in Wiesloch).

Scheibenwischen auch?

Mary Elizabeth Anderson bemerkte bei einem Besuch im New York des Winters 1902, dass ein Straßenbahnfahrer die Frontscheibe öffnen musste, da der einsetzende Eisregen den Durchblick erschwerte. Sie skizzierte daraufhin ein handbetriebenes Gerät, das die Scheibe frei von Schmutz und Eis halten konnte. Die Konstruktion hatte einen Hebel im Innenraum, der mit einem federndem Arm verbunden war, der wiederum mit einer Gummilippe außen auf der Glasscheibe auflag, über die er fächerförmig wischte.

Ähnliche Geräte wurden bereits früher erfunden, aber Andersons war das erste, das effektiv war. 1905 versuchte sie, die Rechte zu verkaufen, ein Unternehmen lehnte jedoch mit den Worten ab: „Wir halten es nicht von so hohem kommerziellen Wert, als dass ein Verkauf durch unser Unternehmen sich rechtfertigen würde“.

Anderson erhielt zwar gelegentlich Tantiemen, diese beliefen sich jedoch auf keine großen Summen. Sie ging nach Fresno und baute sich eine Existenz als Rancherin und Winzerin in Kalifornien auf. Nachdem das Patent 1920 abgelaufen war, wurden Scheibenwischer, die das grundlegende Design von Anderson übernahmen, serienmäßig in Automobile eingebaut.

Das „Fräulein von der Formgestaltung“

Sie gehörte in den 1950er Jahren zu den „Damsels of Design“, den „Fräuleins der Formgestaltung“ und war bei General Motors in den Vereinigten Staaten angestellt: Suzanne Vanderbilt. Sie wurde 1933 in Vernon, New York, in den Vereinigten Staaten geboren und stieg 1955 beim Autogiganten in Detroit als Designerin ein. Sie leitete eine Gruppe, die Fahrzeuge speziell für Frauen entwerfen sollten – aus der Sicht des weiblichen Geschlechts.

Neben vielen anderen zeichnete sie für legendäre Automobile wie den Chevrolet Eldorado Seville Coupé und den Cadillac Saxony Convertible verantwortlich. Sie führte Komponenten wie aufrollbare Sicherheitsgurte, das Handschuhfach, Schminkspiegel und aufblasbare Rückenlehnen ein. Als erste Frau wurde sie später bei Chevrolet zur Chefdesignerin Innenraum ernannt.

Typisch: Mit Ausdauer zu Rekorden

Die 24 Stunden von Le Mans sind eine Rennlegende. Die erste Frau, die beim

Rennsportklassiker an den Start ging, war die in Paris geborene Französin Odette Siko. 1932 erreichte sie gemeinsam mit ihrem Partner Louis Charavel 1932 den vierten Rang im Gesamtklassement in einem Alfa Romeo 6C 1750 SS. In der Rennklasse für Sportwagen bis zwei Liter Hubraum bedeutete dies den Gesamtsieg.

1937 nahm sie als Chefin eines vierköpfigen Frauenteams an den Yacco Oil Speed Trials in Montlhéry teil. In zehn Tagen brachen die Damen in ihrem Mathis „Matford“ mit einem 3,6-Liter-V8 Motor insgesamt 25 Ausdauerrekorde von denen einige bis heute Bestand haben. Ihre letztes Rennen war die Rallye Monte Carlo 1939, bei der sie als 18. in der Gesamtwertung über die Ziellinie fuhr. Der 2. Weltkrieg beendete Odette Sikos Karriere.

Die Mouton und ihr Quattro

Wer einmal die Stadt Grasse im bergigen Hinterland von Cannes besucht hat, weiß, dass der Weg dorthin ebenso kurvenreich wie anspruchsvoll ist. Kein Wunder, dass hier eine der bislang erfolgreichsten Rennfahrerinnen zur Welt kam. Michèle Mouton gelang als erster Frau der Gesamtsieg bei einem Lauf zur Rallye-Weltmeisterschaft. Gemeinsam mit ihrer italienischen Co-Pilotin Fabrizia Pons gewann sie 1981 die Rallye San Remo in einem Audi Quattro.

Es folgten Siege in Portugal, Griechenland und Brasilien. Bei der Fahrerweltmeisterschaft 1992 musste sie sich nur knapp dem Titelaspiranten Walter Röhrl und seinem Opel Ascona 400 geschlagen geben. Siegreich beendete sie das Bergrennen am Pikes Peak 1984, stellte dort ein Jahr später sogar einen neuen Streckenrekord auf. 1986 gewann sie als erste und bisher einzige Frau die Deutsche Rallye-Meisterschaft. Mouton hat an 50 Rallyes teilgenommen, fuhr vier Siege ein und kletterte neunmal aufs Podium.

Jutta Kleinschmidt.

Trotz Mehrgewicht aufs Treppchen

Sehr zügig unterwegs war auch das deutsche Rallye-Ass Jutta Kleinschmidt. Die gebürtige Kölnerin zog es bevorzugt ins Gelände, auf Sandpisten und die Hatz über Stock und Stein. Ihre erste Wettfahrt war die Pharaonen-Rallye in Ägypten 1987 mit einem Motorrad. Schon 1992, ebenfalls auf zwei Rädern, feierte sie ihren ersten Sieg in der Damenwertung der Rallye Paris-Kapstadt. Bei der Desert Challenge in den Vereinigten Arabischen Emiraten fuhr sie 1994 mit ihrem Mitsubishi Pajero auf den ersten Platz der Kategorie Serienfahrzeuge.

Als erste Frau holte sie 1997 einen Etappensieg bei der Rallye Paris-Dakar, 1999 wurde sie bei der Wüsten-Wettfahrt Dritte und stand als erste Frau auf dem Siegertreppchen. 2001 bekam sie von Mitsubishi nur einen Vorjahres-Pajero, der rund 200 Kilogramm schwerer als das aktuelle Wettbewerbsfahrzeug der Automarke war, dennoch gewann sie die Paris-Dakar, die Baja Italien und wurde Zweite in Portugal, Marokko, auf Las Palmas und bei der Master Rallye. Seit 2019 ist Jutta Kleinschmidt Präsidentin der Cross Country Rally Commission der FIA.

Mit Erfolgen zur Markenbotschafterin

Isolde Holderied war seit 1986 vorzugsweise auf Asphalt und Schotter unterwegs, pilotierte zunächst Opel-Fahrzeuge, wechselte 1991 zu Mitsubishi und 1996 schließlich zu Toyota. In den 1990er Jahren gewann sie sechsmal die Damenwertung der Rallye

Paris-Dakar, danach viermal die Europameisterschaft und zweimal die Weltmeisterschaft, jeweils in der Damenriege. Den Titel der Europameisterin des FIA-Cups sicherte sie sich 1992 in der Gruppe N, den der Vizeweltmeisterin in der gleichen Klasse 1994. Die 1966 in Oberammergau Geborene beendete 2001 ihre Rallye Laufbahn und ist heute noch als Markenbotschafterin für Toyota unterwegs.

Isolde Holderied.

Einmal um die ganze Welt

Stinnes? Da war doch was. Richtig, ein Unternehmen das Mitte der 1920er Jahren mit rund 600.000 Beschäftigten und dem Schwerpunkt Kohle und Energie der größte Arbeitgeber der Welt war. Und in der jüngeren Vergangenheit 138 Baumärkte betrieben hatte, zuletzt als Bestandteil der DB Logistics zur Deutschen Bahn gehörte. Aus der Großfamilie des Großindustriellen Hugo Stinnes stammte die wagemutige Clärenore Stinnes, die nach einem erfolgreichen Einstieg ins Rennsportgeschehen als erste Frau und erster Mensch überhaupt in den Jahren 1927 bis 1929 die Erde in einem Auto umrundete.

Ihr Gefährt war ein serienmäßiger, 45 PS starker Adler Standard 6 Personenwagen. Das Unterfangen war ebenso gefährlich wie schwierig, denn über weite Teilstrecken gab es damals keine für Autos geeigneten Straßen. Begleitet wurde sie von zwei Technikern, die nach dem Erreichen von Moskau aufgaben, und dem Fotografen und Kameramann Carl-Axel Söderström, den Stinnes erst zwei Tage vor Abfahrt in Frankfurt am Main kennengelernt hat.

46.063 Kilometer mit 45 PS

Ihre Fahrt führte weiter durch Sibirien und die Wüste Gobi bis nach Peking, per Schiff ging es nach Japan und Hawaii und schließlich Nordamerika. Danach durchquerten die beiden Mittel- und Südamerika, fuhren über die Anden bis nach Valparaiso in Chile. Dort schiffte sich das Abenteurer-Paar wieder ein und gelangte nach Vancouver in Kanada. Der letzte Abschnitt nach Washington D.C. und New York war ein Kinderspiel, verglichen mit den Strapazen zuvor. Die nächste Schiffspassage führte nach Le Havre, von wo aus die Fernfahrer Berlin ansteuerten. Zu Ehren Söderströms fuhr Stinnes bis nach Kopenhagen weiter, die Reise endete beim Zählerstand von 46.063 Kilometer. Die Weggefährten heirateten 1939 in Schweden und lebten auf einem Bauernhof glücklich bis an ihr Lebensende.

Mit der flotten Heidi noch einmal um die Welt

Die Idee von der Autofahrt um die Welt faszinierte auch später noch. Heidi Hetzer, Tochter eines Berliner Opel-Händlers und begeisterte Motorsportlerin, war bereits häufig in Oldtimern auf Fernfahrten unterwegs, fuhr unter anderem 2007 mit einem 1964er Opel Rekord A Coupé von Düsseldorf nach Schanghai.

Techno-Classica 2017: Heidi Hetzer.
Techno-Classica 2017: Hudson Eight von Heidi Hetzer.

Im Juli 2014 erfüllte sie sich ihren Traum und begab sich in einem Hudson Greater Eight, Baujahr 1930, auf die Pfade ihrer Vorgängerin Stinnes, wählte jedoch die Route über Teheran nach China und erweiterte die Strecke bis nach Australien und Neuseeland. Nach der Schiffspassage Richtung Kanada durchquerte sie Nord- und Südamerika und erreichte nach einer Atlantiküberquerung 2016 Afrika. Eine Rundfahrt durch mehrere Länder endete in Südafrika. Von einem Frachtschiff transportiert, kehrte sie nach Europa zurück und erreichte am 12. März 2017 Berlin.Der flotten Heidi hat sicher die bessere Infrastruktur fürs Automobil in heutiger Zeit bei der Verwirklichung ihres Traums geholfen, allerdings war sie beim Antritt ihrer Abenteuerfahrt nicht 26 wie Fräulein Stinnes, sondern stattliche 77 Jahre alt.

Die Zahl der berühmten Frauen in der Auto- und Motorsport-Welt ließe sich beliebig fortsetzen. Maßregelnde und vorurteilbehaftete Serien wie der damalige „7. Sinn“ dagegen nicht. Denn spätestens dann, wenn auch Männer gern mal dem automatischen Einparkassistenten das Rangieren überlassen, verschwimmt der fahrerische Unterschied zwischen den Geschlechtern. (Copyright Car-Editor´s)