NAIAS 2026: Die Abkehr von der reinen Lehre

Von Jens Meiners

Es ist lange her, dass die Messe in Detroit die internationale Creme der Automobilindustrie angezogen hat. Medien-Titan Keith Crain (75) hatte die einstige Händlermesse zur North American International Auto Show ausgebaut. Doch im vergangenen Jahrzehnt ging es stetig abwärts. 2020 wollte man mit einem Wechsel in den Sommer eine Trendwende herbeiführen, covidbedingt fiel der Termin (wie auch 2021) ins Wasser. 2022 und 2023 gab es schwache Vorstellungen im Frühherbst, 2024 fiel wieder aus und Anfang 2025 kehrte man wieder zum Januar-Termin zurück. Jetzt gibt es eine weitere Auflage. Wir haben uns in der früheren Cobo Hall umgesehen.

Von glanzvollen Enthüllungen konnte auch heuer keine Rede mehr sein, dafür gab es „interaktive Erlebnisse” – für Endkunden interessant, für Journalisten und Führungskräfte eigentlich völlig überflüssig. Trotzdem ging es schon am Pressetag rund, was Rückschlüsse auf die Ernsthaftigkeit der Veranstaltung zulässt. Die akkreditierten Gäste konnten Fahrzeuge auf Indoor-Teststrecken fahren, Offroad-Parcours meistern und thematische Erlebniszonen erkunden. „Camp Jeep“ und die „Ford Bronco Built Wild Experience“ unterhielten mit praxisnahen Abenteuern. Und in den Pop-up-Stores durften die illustren Medienvertreter Kleidung und Markendevotionalien erwerben.

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Immerhin gewährte die Messe einen hervorragenden Einblick in die aktuellen Marktbedingungen in den USA, dem zweitgrößten Automobilmarkt der Welt. Und es drängte sich der Eindruck auf: Der Lack der Elektromobilität ist ab. Während in den vergangenen Jahren strombetriebene Fahrzeuge den Raum und die Schlagzeilen dominierten, teilte sich die einst eigenständige EV-Zone nun den Platz mit Hybriden und Verbrennern.

Während GM und Ford lange ins Horn der reinen E-Mobiliät bliesen, hat der Stellantis- Konzern das Thema schon immer pragmatisch behandelt, hat die Fahrzeugarchitekturen stets technologieoffen entwickelt. Und das zahlt sich jetzt aus. Bei den Pick-ups der Marke Ram wurde die geplante und bereits fertigentwickelte Elektrovariante ersatzlos gestrichen; die geplante Variante mit V6-Range-Extender wird allerdings kommen und als Hochleistungsversion positioniert. Auch kehrt der V8 in die Einstiegsmodelle der 1500er-Serie zurück. Nach oben heraus wird eine TRX-Variante mit fast 800 PS starkem V8-Kompressor die Baureihe krönen.

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Bei Dodge kommt nun endlich die Verbrenner-Version des neuen Charger, der in der zuerst eingeführten Elektrovariante floppte: Es ist von Rabatten in Höhe von bis zu 25.000 Dollar die Rede. Jetzt gibt es den Charger auch als Sechszylinder, und der Hemi-V8 ist so gut wie bestätigt.

Auch bei Ford ist die Rückbesinnung auf den Verbrenner in vollem Gange: Der kompakte Pick-up Maverick kommt in einer 250 PS starken Spitzenversion namens Lobo, die Pick-ups der F-150-Reihe kommen wieder mit V8 – und dies obwohl Ford seit vielen Jahren die Downsizing-Ideologie noch aggressiver als die Konkurrenz vorangetrieben hatte. GM präsentierte keine echten Neuigkeiten, dafür jedoch als Blickfang den fast 400.000 Euro teuren Cadillac Celestiq, die Studie Cadillac Elevated Velocity und die Studie Corvette CX.

Doch die wahren Höhepunkte in Detroit waren die Awards. Bei „Eyes on Design” holte sich das Cadillac Elevated Velocity Concept den Preis als „Best Concept Vehicle”, der Ferrari Amalfi wurde „Best Production Vehicle”. Und die Preise „Best Designed Interior” sowie „Innovative use of color, graphics and material” gingen beide an das Bentley EXP 15 Concept. Das Cadillac-Team und GM-Chefdesigner Bryan Nesbitt nahmen die Trophäe persönlich entgegen.

Und dann gab es noch den renommierten North American Car, Truck and Utility Vehicle of the Year Award – kurz NACTOY. Der Dodge Charger wurde zum North American Car of the Year 2026 gekürt, der Ford Maverick Lobo gewann den Titel North American Truck of the Year und der Hyundai Palisade wurde als Utility Vehicle of the Year ausgezeichnet.

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NACTOY-Juror Henry Payne (Detroit News) kommentierte den Sieg des Dodge Charger so: „Der Charger ist eine technologische tour de force und eine hochwillkommene Rückkehr zum sweet spot der Marke, nämlich zu Verbrennern, nach dem elektrischen Irrweg. Und er zeigt der Branche die Limits von Performance-Elektroautos auf. Der neue Charger ist nicht nur ein tolles Muscle-Car, er zeichnet sich auch durch Allradantrieb, die Praktikabilität einer großen Heckklappe und phantastisches Design aus.”

Die Jurorin Lauren Fix preist den Ford Maverick Lobo: „Der Sieger zeigt, dass man keinen großen Pick-up oder ein großes Budget benötigt, um viel Leistung zu bekommen. Mit mehr PS und besserem Handling ist der Maverick Lobo ein Truck für Fahrer, die auf Fahrspaß Wert legen. Unser Award sendet das klare Signal, dass Kunden Leistung wollen, die sich nicht nur auf dem Papier, sondern auch auf der Straße manifestiert.” Und NACTOY-Juror Karl Brauer sagt zum Hyundai Palisade: „Hyundai hatte mit dem ersten Palisade ein echtes Meisterstück geschaffen, und das neue Modell beweist, dass dies kein Zufallstreffer war. Der Vorgänger hatte Stil, Platz und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, und jetzt sind Premium-Materialien und fortschrittliche Technik dazugekommen.”

Wenige Stunden genügten, um sich in Detroit einen umfassenden Überblick zu verschaffen. Der Pressetag ist zur schönen Kulisse für die Award-Programme geschrumpft, die Autokäufer an den Publikumstagen erhalten immerhin eine recht brauchbare Übersicht über die US-Marken und einige Importmarken. Man hat sich längst auf den Weg zurück zur Händlermesse begeben, irgendwo zwischen B- und C-Event. Doch damit ist die NAIAS nicht alleine: In der westlichen Welt gibt es – abgesehen vielleicht vom Sonderfall CES in Las Vegas – eigentlich überhaupt keine A-Messe mehr.(aum)

(Copyright Car-Editor´s)

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