„El Prix“ – der härteste Reichweitentest für Elektroautos

Von Jürgen Pander

Bis zu minus 31 Grad, verschneite Straße, eisiger Wind – beim Winter-Reichweitentest des norwegischen Automobilclubs NAF, dem „EL Prix“, wurden 24 Elektroautos an ihre Grenzen gebracht. Erfreulich aus deutscher Sicht: Je ein Elektroauto von Mercedes, Audi und BMW kam unter die Top-Five.

Fahren, bis der Akku nichts mehr hergibt

Im Winter lässt die Reichweite von Elektroautos nach. Soviel ist allgemein bekannt, doch der norwegische Automobilclub NAF will es seit einigen Jahren ganz genau wissen. Und zwar mit einem Praxistest, der stets Ende Januar stattfindet und neue Elektroautos buchstäblich an ihre Grenzen bringt: Gefahren wird einfach so lange, bis der Akku leer ist.

Der Wintertest in diesem Jahr war extrem, es herrschten zeitweise Temperaturen von minus 31 Grad. Am Vormittag ab 8.50 Uhr am 28. Januar starteten alle 24 Testfahrzeuge im Abstand von etwa einer Minute und mit einem Ladestand von 100 Prozent aus einer Tiefgarage in Norwegens Hauptstadt Oslo. Die Temperatur in Oslo lag bei minus 8 Grad Celsius. Die Fahrt führte über Autobahnabschnitte (Höchstgeschwindigkeit 110 km/h), Landstraßen und durch zahlreiche Ortschaften über Gjovik, Lillehammer und Otta immer weiter nach Norden und dann in einem großen Bogen um den Rondane-Nationalpark herum, wo Temperatur-Tiefstwerte von minus 30 Grad und darunter herrschten.

Mit der Strecke kam die große Kälte

Dass es im Laufe der Testfahrt immer kälter wurde, ist nicht unwichtig beim Blick auf das Ergebnis. Denn die Autos, die am weitesten kamen, schafften dies unter zunehmend schwierigeren Bedingungen als jene, die bereits früher ihr Limit erreichten. Nach 300 Kilometern Fahrstrecke etwa sank die Temperatur auf minus 20 Grad Celsius, ehe es später nochmals deutlich eisiger wurde. Der Suzuki e-Vitara blieb nach 224 Kilometern Fahrstrecke als erster Kandidat mit leerem Akku auf der Strecke – die extreme Kälte herrschte da also noch gar nicht. Die Ermittlung der Real-Reichweite unter winterlichen Bedingungen erfolgt nach einer simplen Regel: Sobald die Akkuladung so gering wird, dass die Fahrzeugelektronik die Leistung drosselt und eine normale Fahrgeschwindigkeit nicht mehr möglich ist, wird die zurückgelegte Strecke abgespeichert und als Real-Reichweite registriert. Je nach Modell setzte der Leistungsverlust und die Tempodrosselung bei einem Akkuladestand zwischen sechs und zehn Prozent ein. Beim

Suzuki e-Vitara war es, wie schon erwähnt, nach 224 Kilometern so weit, bei Kilometer 256 machte der Hyundai Inster schlapp, der Opel Grandland nach 262 Kilometern, der KGM Musso nach 263 Kilometern und so weiter. Am längsten hielt das US-amerikanische Modell Lucid Air durch, nämlich 520 Kilometer.

Lucid Air und Mercedes-Benz CLA im Winter-Reichweitentest des norwegischen Automobilclubs NAF.

Massive Unterschiede

Was nach einem beeindruckenden Sieg im Winter-Reichweiten-Test klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als weit weniger überzeugend. Denn die WLTP-Norm-Reichweite des Lucid Air liegt bei 960 Kilometern. Vergleicht man das mit der tatsächlich zurückgelegten Strecke ergibt sich real ein Minus von 46 Prozent im Vergleich zum Normwert. Ebenso massiv war der Unterschied zwischen Real- und Normreichweite nur noch beim Opel Grandland. Bei allen anderen Testwagen war die Differenz zwischen beiden Werten geringer. Der Hyundai Inster und der MG 6S EV erreichten mit einem Unterschied von jeweils minus 29 Prozent hier den Bestwert. Wobei hier noch einmal erwähnt sei, dass es mit zunehmender Fahrtstrecke immer kälter wurde und damit die Bedingungen immer schwieriger.

Auffällig war, dass die Testfahrzeuge mit sehr großer Akkukapazität einerseits – und erwartbar – die längsten Fahrstrecken zurücklegten, andererseits aber auch prozentual besonders stark an Reichweite einbüßten. Anders gesagt: Eine hohe Normreichweite allein sagt noch nichts über die Wintertauglichkeit aus. Unter den Top-Fünf-Elektroautos, die am weitesten im norwegischen Winter kamen, waren, nach dem Lucid Air an der Spitze, der Mercedes-Benz CLA auf Rang zwei mit 421 Kilometern Real-Reichweite, der Audi A6 e-Tron mit 402 Kilometern und der BMW iX mit 388 Kilometern. (cec)

Die Ergebnisse in der Übersicht:

Modell Test-Reichweite (in km) WLTP (in km) Unterschied

Lucid Air: 520 960 -46 %

Mercedes-Benz CLA: 421 709 -41 %

Audi A6 e-Tron: 402 653 -38 %

Kia EV4: 390 594 -34 %

BMW iX x-Drive 60: 388 641 -39 %

Volvo ES 90: 373 624 -40 %

Hyundai Ioniq 9: 370 600 -38 %

Xpeng X9: 361 560 -36 %

Tesla Model Y Facelift: 359 629 -43 %

MG IM6: 352 505 -30 %

Mazda 6 e: 348 552 -37 %

MG S6: 345 485 -29 %

Smart #5: 342 540 -37 %

Ford Capri: 339 560 -40 %

lvo EX 90: 339 611 -45 %

Zeekr 7X: 338 541 -38 %

Skoda Elroq RS: 309 524 -41 %

Voyah Courage: 300 440 -32 %

Changan Deepal S05: 293 445 -34 %

VW ID Buzz GTX: 277 449 -38 %

Opel Grandland*: 262 484 -46 %

Hyundai Inster: 256 360 -29 %

KGM Musso: 236 379 -38 %

Suzuki e-Vitara: 224 395 / -43 %

*Der Opel Grandland war aufgrund von Ladeproblemen nicht mit 100%, sondern lediglich mit 94% Ladestand gestartet.

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