Ein Tunnel zwischen Europa und Afrika
Von Jürgen Pander
An ihrer schmalsten Stelle ist die Straße von Gibraltar 14 Kilometer breit. Jeden Tag fädeln sich rund 300 Frachtschiffe durch dieses Nadelöhr, das Atlantik und Mittelmeer verbindet. Jetzt soll an dieser Stelle auch eine Verbindung von Europa nach Afrika entstehen: Ein Tunnel unter der Meerenge hindurch. Es wäre das längste Unterwasserbauwerk der Welt.
Die Fußball-WM 2030 wird in Spanien, Portugal und Marokko stattfinden. Es wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen, um den geplanten Tunnel unter der Meerenge von Gibraltar zu eröffnen : eine direkte Eisenbahnverbindung zwischen Spanien und Marokko, zwischen Europa und Afrika. Doch so schnell wird es nicht gehen. Das deutsche Tunnelbauunternehmen Herrenknecht kam in seiner Machbarkeitsstudie für den Gibraltartunnel im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass ein Fertigstellungstermin zwischen 2035 und 2040 eher realistisch sei.
Die Planungen sind angelaufen
Immerhin: Die Planungen für das Projekt sind angelaufen, im kommenden Jahr soll ein Erkundungsschacht weitere Erkenntnisse bringen. Ist das diesmal tatsächlich der Beginn eines Jahrhundertprojekts? Das wäre ein Tunnel unter der Meerenge von Gibraltar hindurch ohne Zweifel.
Die Idee ist nicht ganz neu. Bereits 1869 kam die Idee auf, um 1900 wurde sie erneut diskutiert und 1925 gab es sogar erste Probebohrungen. Die Vision damals: Eine Transsahara-Eisenbahn, die bis Madrid, Lissabon und Paris reicht. Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 stoppte das Projekt.
Tunnel statt Damm
Es gab weitere Anläufe, die Meerenge zu überwinden. Der deutsche Architekt Herman Sörgel etwa schlug einen Staudamm vor, um die Straße von Gibraltar abzusperren und damit eine Landverbindung zwischen Europa und Afrika zu errichten. Das 1932 erschienene Buch „Atlantropa“ beschreibt die Idee, weiter verfolgt wurde sie nicht. Verworfen wurden auch mehrere Pläne für eine gigantische Brücke; ebenso wie der Plan, eine schwimmende Verbindung mit einer künstlichen Insel auf halber Strecke zu installieren.
Ein Tunnel, darüber herrscht inzwischen Einigkeit in der Fachwelt, ist wohl die realistischste Option, um Europa und Afrika an dieser Stelle verkehrstechnisch zu verbinden. Allerdings kommt das nicht an der engsten Stelle in Frage, denn dort ist die Straße von Gibraltar bis zu 900 Meter tief. Deutlich flacher, nämlich ungefähr 300 Meter tief, ist es weiter westlich Richtung Atlantik. Neuere Tunnelprojekte sind daher deutlich länger, verlaufen aber weit weniger tief unter dem Meeresgrund.
Ein Tunnel, darüber herrscht inzwischen Einigkeit in der Fachwelt, ist wohl die realistischste Option, um Europa und Afrika an dieser Stelle verkehrstechnisch zu verbinden. Allerdings kommt das nicht an der engsten Stelle in Frage, denn dort ist die Straße von Gibraltar bis zu 900 Meter tief. Deutlich flacher, nämlich ungefähr 300 Meter tief, ist es weiter westlich Richtung Atlantik. Neuere Tunnelprojekte sind daher deutlich länger, verlaufen aber weit weniger tief unter dem Meeresgrund.
Die ersten Millionen sind geflossen
Geplant wurde in den vergangenen Jahrzehnten mehrmals. 1979 einigten sich Spanien und Marokko erstmals grundsätzlich über den Bau eines Tunnels. 2003 flossen 27 Millionen Euro in eine erste Machbarkeitsstudie für einen Tunnel aus drei Röhren: zwei davon für eine jeweils eingleisige Eisenbahnlinie, die dritte als Wartungsröhre in der Mitte. Ein Tunnel für den Autoverkehr wurde von vornherein verworfen, die Abgasentlüftung wäre viel zu aufwändig. 2009 wurde es dann erstmals konkreter: Fünf Milliarden Euro werde der Tunnelbau kosten, hieß es damals, 15 Jahre Bauzeit wurden veranschlagt – angesichts dieser Zahlen jedoch stockten die Planungen, zudem bildete der Westsaharakonflikt ein politisches Hindernis.


65 Kilometer lang, 475 Meter tief
2023 schließlich erfolgte der jüngste Neustart des Tunnelprojekts. Auf Grundlage der schon vorliegenden Planungen wurde eine nochmals weiter westlich verlaufende Tunneltrasse in Betracht gezogen. Auf spanischer Seite soll der Tunneleingang in Vejer de la Frontera liegen, auf marokkanischer Seite in der Nähe von Tanger. Der Tunnel wäre nach diesen Plänen rund 65 Kilometer lang und die tiefste Stelle läge 475 Meter unter dem Meeresspiegel. Es wäre ein neuer Rekord: Der bislang tiefste Unterwasser-Verkehrstunnel wird der gerade im Bau befindliche Rogfast-Tunnel in Norwegen, dessen tiefste Stelle 392 Meter unter dem Wasserspiegel des Boknafjords liegt.
Noch sind viele Fragen offen. Etwa, ob es vielleicht doch eine Röhre für Autos und Lkw geben soll, schließlich steigt die Zahl der elektrisch angetriebenen und damit abgasfreien Fahrzeuge stetig. Außerdem gibt es Überlegungen, parallel zu den Verkehrsröhren auch noch eine Gaspipeline zu verlegen. Seien die beiden Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetze von Spanien und Marokko durch den Tunnel, prognostizieren Experten pro Jahr 12,8 Millionen Bahnreisende und 13 Millionen Tonnen Güter, die durch den Gibraltartunnel transportiert würden.
Problemtische Geologie
Ob es tatsächlich dazu kommt? Das dürfte einerseits von den Erkundungen in den nächsten Jahren abhängen. Denn der Tunnel verläuft durch ein geologisch heikles Gebiet: Exakt dort nämlich, wo das Meer eher flach ist, stoßen zwei tektonische Platten aneinander, die europäische und die afrikanische Platte. Für den Bau vergleichbar filigraner Röhren tief im Untergrund sind das eher problematische Bedingungen. Dazu kommt eine neue Kostenschätzung von 15 Milliarden Euro. Wobei das fast schon günstig erscheint.
Zum Vergleich: Der rund 50 Kilometer lange Eurotunnel unter dem Ärmelkanal, der 1994 nach sechs Jahren Bauzeit fertiggestellt wurde, kostete schon damals umgerechnet etwa 15 Milliarden Euro. Anders gesagt: Der tatsächliche Preis des Gibraltartunnels wird wohl deutlich höher ausfallen. (copyright Auto-Medienportal)
