Anderslautenden Behauptungen zum Trotz: Ein Bulli ist auch nur ein Auto
Von Peter Schwerdtmann
Mal ganz persönlich: Zwei Autos haben mich geprägt: der Mercedes-Benz 300 SL und der Bulli. Meine Tante Erika, die Sekretärin des Leiters der Mercedes-Niederlassung an der Podbi in Hannover, hatte mich 1956 aufs rote Leder klettern lassen. Und wenn die Geschichte stimmt, dass der holländische VW-Importeur Ben Pon einst die Idee vom Käfer mit Kasten nach Wolfsburg brachte, dann ist die Bulli-Idee genau einen Monat und einen Tag älter als ich. Der 300 SL blieb ein Traum, aber der Bulli begleitet mich in allen seinen Varianten durchs Leben. Außerdem sind wir beide Hannoveraner, auch wenn mein Freund heute aus Polen stammt.
Meine Bulli-Erfahrung frischt gerade der mit der offiziellen Typenbezeichnung Volkswagen Multivan Edition 2.0l 110 kW 7G.-DSG auf, in einem strahlenden Weiß, dass eher aggressiv als unschuldig wirkt, weil es von Schwarz an Dach und Seiten betont wird.

Sanft und gelassen
Bewegt er sich, zeigt dieser Bulli den sanften und gelassenen Charakter eines freundlichen Bernhardiners. Groß ist er zwar mit seinen knapp fünf Metern Länge und der Höhe von 1,91 Metern, man ahnt auch die Möglichkeiten der 150 PS und des Drehmoments von 360 Newtonmetern (Nm) im rund zwei Tonnen schweren „Körper“. Doch der Fahrkomfort, den das Doppelkupplungsgetriebe (DSG) und das erstaunlich komfortabel agierende Fahrwerk verbreiten, nimmt dem großen Auto die Schwere.
Der Zwei-Liter-Diesel stützt diesen Eindruck von Unbeschwertheit, solange man sich nicht der Höchstgeschwindigkeit nähern will. Er bleibt unaufgeregt und souverän, wegen der sanften Schaltintervalle des DSG und der geringen Windgeräusche der Karosse. Hält sich der Fahrer in dieser Komfortzone auf, verharrt der Verbrauch auf Langstrecken bei freundlichen 6,5 bis sieben Litern auf 100 km. Willkommen, Langstrecke!

Vom Tacho zum Breitwand-Display
Fahrer und Beifahrer können bei solchen längeren Touren in Ruhe die bunte Welt der „Breitwand“-Displays vor Augen genießen und sich vergegenwärtigen, wie weit es der Transporter von damals gebracht hat: heute digitale Begleitung und Kommentierung vom teilautonomen Fahren, damals ein Rundinstrument mit Tacho in einem Blechwulst, der nur von einer Öffnung für den unförmigen Lautsprecher des Autoradios in der Mitte unterbrochen wurde.

Meine erste Begegnung mit einem frühen Typ 2 – Typ 1 war ja der Käfer – war der Band-Bus von Hans-Peter, dem Mann meiner Cousine. Neupreis damals rund 6000 Mark. Das Gejaule der vier luftgekühlten Zylinder im Heck fand im Laderaum gewaltige Verstärkung, trotz der geladenen Verstärker und Instrumente. Der Geruch von Abgas drang auch schon einmal bis nach vorn in die Kabine. Wir saßen dort auf einer unbequemen durchgehenden Bank. Hans-Peter rührte mit dem extralangen Schaltknüppel im Getriebe und hatte die Lenksäule mit dem großen, flachliegenden Lenkrad mit hartem, dünnen Griffkranz vor der Brust, vor sich ein einfaches Bugblech, das bestenfalls vor Hagelschlag schützen konnte. Das ging nicht immer gut; Hans-Peter braucht heute Gehhilfen.
Alles längst überwunden. Hans-Peter spielt noch Gitarre. Der Motor sitzt inzwischen vorn, ist luftgekühlt, leiser, verbraucht deutlich weniger, leistet rund fünf Mal mehr, emittiert deutlich weniger und nur katalytisch gefiltertes Abgas. Eine Knautschzone hat der Multivan auch. Die passive Sicherheit der Insassen hat der Bulli längst in vielen Crashtests nachgewiesen. Und besonders in der uns zur Verfügung stehenden Version mit sechs Einzelsitzen kommt niemand mehr auf die Idee, den Sitzkomfort infrage zu stellen.
Reisemobil für Doppelverdiener
Beim Jobwechsel legte der Motorjournalist in mir Wert auf Räder. Das Schicksal hielt aber nur einen Reisemobilhersteller für mich bereit. Und das Schicksal meinte es dennoch gut mit mir. Fünf Jahre lang sah ich meinen Lebenszweck darin, den doppelt verdienenden Lehrerehepaaren in Deutschland das Reisemobil auf Bulli-Basis als ideales Zweitfahrzeug zu empfehlen. Mit Erfolg, so dass Volkswagen das Thema lieber selbst spielen wollte. So wurde aus dem Westfalia Joker schließlich der Volkswagen California.

Das Recht der ersten Nacht
Es ist nun mehr als 40 Jahre her, dass die Freiheit des Reisemobilisten an dem Verbot der Übernachtung in einem Fahrzeug im öffentlichen Raum zu scheitern drohte. Die Kollegen Georg Schmitt (ADAC-Motorwelt), Martin Breuninger (Auto Motor und Sport), Friedrich Schröder und Wolfgang Scholz (Auto-Zeitung) zusammen mit den WDR-Redakteuren Stefan und Bruni Huy und Michael Scharfenberg (Deutsche Welle TV) – wir alle entwickelten das Modell Viechtach. Das „Recht der ersten Nacht“ in der Stadt Viechtach im Bayerischen Wald, innerhalb des Wirkungsradius von Verkehrsdirektor Ludwig Reiner. Fortan übte die Polizei immer öfter Nachsicht, weil das Schlafen am Straßenrand der Verkehrssicherheit diente.
Mit Dr. Wolfgang Bouska vom bayerischen Innenministerium verabredeten wir ein Zusatzschild für Wohnmobil-Parkplätze. Es zeigte ganz selbstverständlich den Seitenriss eines Joker mit aufgestelltem Zeltdach. Nachdem ich Westfalia verlassen hatte, sorgten die anderen Wohnmobilanbieter schnell dafür, dass die Joker-Silhouette durch die eines„Nasenbären“ ersetzt wurde.

Nachbarn ohne Kontakt
Aus der Zeit in Westfalen ergaben sich enge Kontakte nach Wolfsburg, so enge, dass mein nächster Schritt ein Arbeitsvertrag werden sollte. Doch Carl H. Hahn, der große VW-Boss, erklärte mir am kalten Buffet beim Empfang des Motor Presse-Clubs am Vorabend einer IAA sein Bedauern, mit dem leeren Teller in der Hand. Die gerade abgeschlossene Gemeinkosten-Wertanalyse zwinge ihn, die Stelle intern zu besetzen. Mir war vorher nicht bewusst, dass mein berufliches Schicksal in diesen Sphären diskutiert wurde. Den Job bekam dann ein Ingenieur aus der Fahrwerksentwicklung mit Bezug zur Kunst und ohne Verbindung zur Presse. Mein nächstes Büro lag auf der anderen Seite der Herrenhäuser Allee: im Osten das VW-Nutzfahrzeugwerk Hannover-Stöcken, im Westen die Zentrale der Varta AG. Aber die Kontakte blieben lebendig.
Und dann kam Lopez
Gustav Mayer, Spitzname „Transporter-Mayer“, war Entwicklungschef bei VW in Stöcken. Den Typ 2 hatte er vom T1 bis T4 betreut und hatte jetzt eine Bitte an den Batteriehersteller auf der anderen Straßenseite. Ich überbrachte die Bitte an den Leiter der Sparte Starterbatterie und lernte die damals noch typische Arroganz der großen Herren bei den Zulieferern kennen. Die Reaktion auf meine Botschaft: „Ich kenne keinen Maier.“ Und er meinte das ernst. Ein Entwicklungschef eines Kunden war für einen Quandt-Manager kein Gesprächspartner. Und dann kam Lopez.
Ducksteins Humor
Zu den Bulli-Anekdoten aus jener Zeit zählt auch die von Henning Duckstein, Mayers Fahrwerksentwickler, der in einem T2 mit einem Vorläufer des späteren Synchro-Antriebs die Kollegen von der Geländewagenfraktion blamierte. Auf dem kleinen Offroad-Gelände im Osten der F+E-Gebäude in Wolfsburg hatte sich ein „Jeep“-Prototyp des Konzerns bei einer Präsentation vor orientalischen Kunden hoffnungslos festgefahren. Duckstein kam mit seinem unauffällig-beigefarbenen Allrad-Prototyp vorbei, spannte sich vor den angepriesenen Gelände-Experten und zog den Geländewagen mit einem scheinbar völlig ungeeigneten Transporter aus dem Blickfeld, sehr zum Missfallen seiner Kollegen von der anderen Fakultät. Und Duckstein hatte seinen Spaß.
Er war überhaupt ein Freund von grobem Spaß. Eines Tages bot er mir eine Stelle in seinem Fahrwerksversuch an – als Achslast. Ich lachte trotzdem fast so laut wie die Kollegen.
Abgehängt im Diesel
Der Zwei-Liter-Diesel in „meinem“ Multivan beschleunigt in 11,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h – fast so schnell wie der Spezial-Joker meines Chefs bei Westfalia mit seinem Umbau inklusive Motor aus einem Porsche Carrera. Der erreichte auch fast die Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h. Doch beim Porsche-Westfalia war das ein Abenteuer für Abgebrühte, im Multivan ist das eher Vergnügen. Der Porsche-Westfalia hatte mit Joker-Stirnfläche einen entsprechend hohen Luftwiderstand. Der Verbrauch lag oberhalb 20 Liter Super auf 100 km, auch ohne Dauer-Hochgeschwindigkeit. Der Multivan ist da doch deutlich zurückhaltender und überhaupt nicht anstrengend.
Fast so schnell wie mit Carrera-Motor
Die Diesel-Meldung hat mich übrigens später mehrfach eingeholt: Ich fahre mit einem Joker mit dem 55-PS-Diesel über die Kasseler Berge, mit abnehmendem Erfolg. Schließlich überholt mich ein 40-Tonner scheinbar mühelos. Der Beifahrer steckt die Hand aus dem Fenster, Hilfe für die Steigung anbietend.
Mit eben diesem Joker 3 fuhr ich hinter einem Bus mit Journalisten durch Irland. Mein Auto sollte denen als Vorder- oder Hintergrund für ihre Fotos von touristischen Zielen dienen. Aber der Bus war zu schnell. Ich verlor ihn aus den Augen. Navigation gab es noch nicht, eine Karte war nicht an Bord. Das Einzige, was ich wusste, war der Name des Hotels: Hotel Europe. Ich suchte bis in die Nacht. Seitdem habe ich den alten Diesel gemieden und auf dessen Nachfolger gewartet.
Das optimale Zugfahrzeug
Den niedrigsten Verbrauch mit einem Bulli erzielten wir übrigens mit einem Anhänger, der den Bereich der Verwirbelung hinter dem Fahrzeug ausfüllte. Das gilt sicher auch heute noch. Die Anhängelast von 2000 kg setzt jedenfalls keine Grenze.
Übrigens noch eine Erfahrung aus der Bulli-Praxis: Ein kurzer Überhang stabilisiert das Gespann. Deswegen war der Bulli schon immer ein guter Zugwagen, wenn es nicht gerade der alte 55-PS-Diesel mit dem Hänger aufnehmen musste. Aber der lebt ja nur noch in der Erinnerung von denen, für die der Bulli zu einem Begleiter durchs Leben wurde, über viele Jahre und viele tausende Kilometer durch Europa und die USA. Am Steuer eines 300 SL saß ich in meinem Leben nur zwei Mal, insgesamt ein paar Stunden – immerhin.
Das wäre ein gutes Ende der Geschichte. Aber die Stimme der Dame, die mich schon seit vielen Kilometern zurechtweist und dabei stets die direkte Ansprache vermied, wählt auf einmal die persönliche Anrede: „Du hast Dein Ziel erreicht“, erklärt sie und ist von der Attraktivität ihres Multi-Bullis offenbar so erzeugt, dass sie Bewunderer gern auf Distanz hält. Deswegen sagt sie dem Fahrer unmissverständlich per Anzeige auf dem Display, er möge dafür sorgen, dass niemand an Bord bleibt. Die Geschichte endet also mit einem Rausschmiss. (copyright Auto-Medienportal)

Daten VW Multivan 2.0l TDI 110 kW 7G.-DSG
Länge x Breite x Höhe (m): 4,97 x 1,94 x 1,91
Antrieb: 2 Liter Diesel, TDI
Leistung: 110 kW / 150 PS
Max. Drehmoment: 360 Nm bei 1600 U/min bis 2750 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 190 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 11,6 Sek.
WLTP-Durchschnittsverbrauch: 6,4 l/100 km bis 6,7 l/100 km
CO2-Emissionen: 166 g/km bis 176 g/km
WLTP-Reichweite: 900 bis 1000 km
Testverbrauch: ca. 6,6 kWh
Leergewicht / Zuladung: ca. 2200 kg / 650 kg
Kofferraumvolumen: 469 l, erweiterbar auf 3600 l
Anhängelast (gebremst): max. 2000 kg
Preis Multivan ab 56.108,58 Euro
Basispreis Edition: 62.827,24 Euro

